
QUELLE: GRAFIK SDNUE
Ein Brief der Stadtverwaltung aus dem Jahr 2040, eine Benachrichtigung, die es noch nicht gibt, ein Produktkatalog voller Dinge, die niemand gebaut hat. Solche Objekte sagen die Zukunft nicht voraus, aber sie machen sie verhandelbar. Was bedeutet das für Service Design?
Ihre Stadtverwaltung · Bürgerservice · 14. März 2040 Ihr persönlicher Assistent hat am 12. März in Ihrem Namen Wohngeld beantragt. Der Antrag wurde nach vier Minuten bewilligt. Da Sie in den vergangenen 30 Tagen weniger als zwei Stunden im Freien verbracht haben, empfehlen wir Ihnen zusätzlich das Quartiersprogramm „Gemeinsam raus“. Ihr Assistent hat Sie vorsorglich angemeldet. Ein Widerspruch ist bis zum 21. März möglich per Sprachnachricht an Ihren Assistenten.
Dieser Bescheid ist erfunden. Und doch löst er beim Lesen in wenigen Sekunden etwas aus: Erleichterung über vier Minuten statt vier Wochen Bearbeitungszeit. Unbehagen darüber, woher die Verwaltung weiß, wie oft ich draußen war. Vielleicht Ärger über die „vorsorgliche“ Anmeldung. Genau das ist der Punkt. Kein Fragebogen, kein Interview hätte so schnell eine so klare Haltung hervorgebracht.
Was Design Fiction ist und was nicht
Design Fiction arbeitet mit solchen Objekten aus möglichen Zukünften. Als kanonisches Beispiel gilt der „TBD Catalog“ des Near Future Laboratory um Julian Bleecker aus dem Jahr 2012. TBD steht für „To Be Designed“. Ein Produktkatalog, wie man ihn aus dem Briefkasten kennt, nur voller Dinge, die es nicht gibt: Kissen, die Träume aufzeichnen, stundenweise buchbare KI-Rechtsberatung, Dienste zum Schutz vor Überwachung. Das Prinzip dahinter nennt Bleecker „Future Mundane“: Die Zukunft erscheint nicht spektakulär, sondern alltäglich, fast banal. Gerade deshalb wirkt sie so glaubwürdig.
Einen Schritt weiter ging das Londoner Studio Superflux mit „Mitigation of Shock“ (2017–2019). Besucherinnen und Besucher betraten eine Londoner Wohnung im Jahr 2050, die für ein Leben mit klimabedingter Nahrungsknappheit umgebaut war: Pilzzucht im Regal, Mehlwürmer als Proteinquelle, Tauschnetzwerke statt Supermarkt. Wer einmal in dieser Küche gestanden hat, liest Klimaberichte anders.
Wichtig ist die Abgrenzung: Design Fiction ist keine Prognose und kein Science-Fiction-Kitsch. Anthony Dunne und Fiona Raby, die mit „Speculative Everything“ (2013) die Grundlage des Speculative Design gelegt haben, verstehen Design ausdrücklich nicht nur als Problemlösung, sondern als Werkzeug, um über mögliche, wahrscheinliche und wünschenswerte Zukünfte zu sprechen. Wir haben an dieser Stelle schon einmal beklagt, dass uns im Deutschen dafür der Plural fehlt: die „Zukünfte“. Design Fiction ist eine Möglichkeit, ihn sichtbar zu machen.
Wie eng Design und Zukunftsfantasie seit jeher verbunden sind, zeigt übrigens noch bis Mai 2026 die Ausstellung „Science Fiction Design. Vom Space Age zum Metaverse“ im Schaudepot des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, vom Ball Chair der 1960er-Jahre bis zu Möbeln, die zuerst für virtuelle Welten entworfen wurden.
Die Grenze des Service Design: Nutzer kennen die Zukunft nicht
Was hat das mit Service Design zu tun? Mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Service Design ist bewusst nutzerzentriert: Es beginnt mit Research, mit dem Verstehen von Bedürfnissen, mit dem Problemraum. Das ist seine Stärke und zugleich seine Grenze. Denn Nutzerinnen und Nutzer können nur über das sprechen, was sie kennen. Fragen wir sie nach einem Service, den es noch nicht gibt, in einer Welt, die sich durch KI, Klimawandel oder Demografie grundlegend verändert, bekommen wir bestenfalls Vermutungen.
Schon 2021 haben wir hier gefragt, wo die Grenzen des Service Designs liegen, und gefordert, dass es politischer werden muss, um gesellschaftliche Fragen früh mitzugestalten. Design Fiction ist ein Weg dorthin: Statt Nutzer zu fragen, was sie sich wünschen, legen wir ihnen ein Stück Zukunft in die Hand und beobachten, was passiert.
Der diegetische Prototyp: Services aus der Zukunft testen
Der Fachbegriff dafür klingt sperriger, als er ist: der diegetische Prototyp. Er stammt aus der Film- und Erzähltheorie, in der die „Diegese“ die erzählte Welt meint. Ein diegetischer Prototyp ist also ein Objekt, das so tut, als existiere es bereits, allerdings in einer anderen Welt. Die Forschenden Tracy Harwood, Tony Garry und Russell Belk haben 2020 im „Journal of Services Marketing“ gezeigt, wie sich daraus eine Methode entwickeln lässt, um Service-Innovationen sichtbar und diskutierbar zu machen, bevor sie entwickelt werden.
Für Service Design liegt das erstaunlich nah. Denn Services bestehen aus Touchpoints und Touchpoints lassen sich hervorragend erfinden: eine Rechnung, ein Vertrag, eine App-Benachrichtigung, ein Kundenbrief, eine Stellenanzeige, eine Zeitungsmeldung über den neuen Service. Solche Artefakte sind schnell und günstig herzustellen und lösen doch erstaunlich viel aus.
Der entscheidende Unterschied zum klassischen Prototyp: Wir testen nicht die Usability, sondern Werte und Akzeptanz. Nicht „Funktioniert das?“, sondern „Wollen wir so leben?“. Der Prototyp wird zum Gesprächsanlass statt zur Lösung.
Vom Objekt zum Gespräch: Partizipativ spekulieren
Am stärksten wirken solche Objekte, wenn sie nicht im Designstudio bleiben, sondern gemeinsam erlebt und verhandelt werden. Beim ersten SDNue Social Design Forum haben Karianne Fogelberg und Sarah Dorkenwald von UnDesignUnit gezeigt, wie das gelingen kann: mit Requisiten, die das Vorstellen erleichtern, mit einem spekulativen Dinner zur Ernährung im Klimawandel, mit einem Artenparcours durch einen Münchner Stadtteil. Zukunft wird dort nicht präsentiert, sondern erfahren und gerade dadurch diskutierbar.
Für die Praxis des Service Designs ließe sich daraus ein einfacher Vorschlag ableiten: Beginnen wir Projekte nicht nur mit Interviews über die Gegenwart, sondern auch mit einem Objekt aus der Zukunft. Ein erfundener Bescheid, eine fiktive Kundenmitteilung, ein Katalog von übermorgen. Und dann hören wir zu, was die Menschen dazu sagen. Was sie begeistert, was sie irritiert, wogegen sie Widerspruch einlegen würden.
Vielleicht probiert ihr es gleich selbst aus: Welches Objekt aus der Zukunft würdet ihr gern einmal in der Hand halten und welches lieber nie?
