
QUELLE: FOTO VON JAN KOPŘIVA AUF UNSPLASH
Der Sommer ist da und mit ihm die Hitze in unseren Städten. Hitzeaktionspläne gibt es inzwischen vielerorts, seit einem Jahr auch ein Bundesgesetz zur Klimaanpassung. Warum spüren wir davon im Stadtraum trotzdem so wenig? Und was können wir dabei von alten Häusern lernen?
Mitte Juni hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH), ein gemeinnütziger Umwelt- und Verbraucherschutzverband, ihren zweiten „Hitze-Check“ veröffentlicht. Untersucht wurden 190 Städte mit mehr als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern anhand von Versiegelung, Grünvolumen, Oberflächentemperatur und Bevölkerungsdichte. Das Ergebnis: 31 Städte erhielten eine rote Karte, 131 eine gelbe, nur 28 eine grüne. Mehr als zwölf Millionen Menschen leben in Gebieten, die extrem von Hitze betroffen sind. Auch Nürnberg gehört nach den Ergebnissen zu den fränkischen Städten mit besonders hoher Hitzebelastung.
Das ist keine Frage des Komforts. Nach Angaben der DUH sterben in Deutschland jedes Jahr rund 3.000 Menschen an den Folgen extremer Hitze. Es trifft vor allem ältere und vorerkrankte Menschen. Hitze ist damit das größte wetterbedingte Gesundheitsrisiko in unseren Städten.
An Plänen mangelt es nicht
Dabei fehlt es nicht an Konzepten. Nürnberg hat bereits 2022 einen Hitzeaktionsplan beschlossen. Kurzfristig setzt er auf Hitzewarnungen, ein Hitzetelefon, eine Karte mit kühlen Orten und öffentliche Trinkbrunnen. Langfristig geht es um mehr Bäume und Schatten, den Schutz von Frischluftschneisen, entsiegelte Flächen sowie helle Fassaden und Beläge.
Seit dem 1. Juli 2024 gilt zudem das Klimaanpassungsgesetz (KAnG) des Bundes. Es verpflichtet die Länder, eigene Strategien vorzulegen und dafür zu sorgen, dass Kommunen Klimaanpassungskonzepte erstellen.
Wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist, zeigt eine Befragung des Umweltbundesamts (UBA) vom vergangenen September: Nur zwölf Prozent der befragten Kommunen verfügen über ein Klimaanpassungskonzept. Als größte Hürden nennen sie fehlendes Personal (80 Prozent) und fehlende finanzielle Mittel (73 Prozent). Die Pläne existieren, aber wer setzt sie um?
Was alte Häuser über Hitze wissen
Wer im Bestand arbeitet, stellt fest: Viele ältere Gebäude sind erstaunlich gut auf Hitze vorbereitet. Nicht durch Technik, sondern durch ihre Bauweise. Dicke Massivwände speichern die Kühle der Nacht und geben die Tageshitze nur langsam nach innen weiter. Fensterläden verschatten, bevor die Sonne überhaupt aufs Glas trifft. Hohe Räume, Querlüftung und Innenhöfe sorgen dafür, dass warme Luft abziehen kann. Es ist ein Wissen, das ohne Strom funktioniert. „Low Tech“ im besten Sinne.
Im Neubau ist davon vieles verloren gegangen. Große Glasflächen, leichte Konstruktionen und fehlender Sonnenschutz machen Wohnungen zu Wärmefallen, die dann mit Klimageräten gekühlt werden. Das heizt die Stadt draußen dann zusätzlich auf. Aber auch der Altbau hat seine Schwachstelle: das Dach. Wo früher ein kühler Dachboden als Puffer diente, liegen heute oft ausgebaute Wohnungen, in denen sich die Hitze staut.
Wo Denkmalschutz und Klimaanpassung an einem Strang ziehen müssen
Gerade in historischen Innenstädten wie Nürnberg treffen dabei zwei berechtigte Anliegen aufeinander. Außenliegender Sonnenschutz, Dach- und Fassadenbegrünung oder hellere Oberflächen sind wirksame Mittel gegen Hitze. Sie verändern aber das Erscheinungsbild von Gebäuden und Straßenzügen, die aus gutem Grund geschützt sind.
Die Antwort kann weder sein, Klimaanpassung im Denkmal pauschal auszuschließen, noch den Denkmalschutz der Anpassung zu opfern. Gefragt sind Lösungen, die beides ernst nehmen: der wiederhergestellte historische Fensterladen statt der modernen Außenjalousie, die Begrünung im Hof statt an der Schaufassade, die Entsiegelung des Hinterhofs statt der Veränderung des Straßenbilds. Solche Lösungen entstehen allerdings nicht im Genehmigungsverfahren, sondern nur, wenn Denkmalpflege, Planung und Eigentümer früh gemeinsam am Tisch sitzen.
Vom Gebäude zum Quartier: Hitzeschutz als Gemeinschaftsaufgabe
Hier liegt der eigentliche Punkt: Hitzeschutz entscheidet sich nicht allein im öffentlichen Raum, sondern ebenso in Hinterhöfen, auf Dächern und auf privaten Flächen. Also bei Eigentümerinnen und Eigentümern, Hausverwaltungen und Bewohnerschaft! Eine Verwaltung, der Personal und Geld fehlen, wird diese Aufgabe nicht allein stemmen können.
Social Design kann hier ansetzen: mit Co-Design im Quartier, in dem Nachbarschaft, Eigentümer und Verwaltung gemeinsam herausfinden, wo es am heißesten ist und was am meisten hilft. Mit kleinen, schnell umsetzbaren Schritten wie der gemeinsamen Entsiegelung eines Hofes, Baumpatenschaften oder einer Karte kühler Orte, die die Menschen vor Ort selbst ergänzen. Und mit Prototypen auf Zeit: Städte wie Wien haben vorgemacht, wie sich einzelne Straßen für einen Sommer in „coole Straßen“ mit Schatten, Wasser und Sitzgelegenheiten verwandeln lassen. Ein Experiment, aus dem man lernen kann, bevor man dauerhaft umbaut.
Das Wissen ist da, in Gutachten ebenso wie in den Mauern unserer alten Häuser. Was fehlt, ist die gemeinsame Gestaltung. Bleibt die Frage: Wer gestaltet die kühle Stadt, wenn die Verwaltung allein es nicht schafft?
