
QUELLE: FOTO VON ALLEN Y AUF UNSPLASH
Leere Kaufhäuser, wechselnde Ketten, Pop-ups für ein paar Wochen: Der Wandel der Innenstädte ist längst Alltag. Doch wer gestaltet ihn eigentlich? Ein Blick auf Modelle, bei denen Eigentümer, Händler und Bürger selbst anpacken und auf die Frage, was Nürnberg davon lernen kann.
Nürnberg kann derzeit durchaus Erfolge vorweisen. 2024 hat die Stadt ihre „Zukunftsinitiative Innenstadt“ gestartet und dafür einen eigenen Stab eingerichtet mit aktivem Leerstandsmanagement, gezielter Ansprache von Eigentümern und Ansiedlung neuer Betriebe. Nach Angaben der Stadt sank die Leerstandsquote von 7,1 Prozent im Jahr 2024 auf 5,4 Prozent Ende 2025, mehr als 120 Geschäfte und Betriebe haben in zwei Jahren neu eröffnet.
Das sichtbarste Projekt ist der ehemalige Kaufhof an der Königstraße. Die Filiale schloss im Sommer 2023, seit Oktober 2023 steht das Gebäude unter Denkmalschutz, im Oktober 2024 hat die Stadt es gekauft. Seit September 2025 ist es zwischengenutzt: mit einem Outlet, wechselnden Pop-up-Stores, Gastronomie und einer Science Lounge der Technischen Universität Nürnberg. Seit Januar 2026 läuft ein Auswahlverfahren für die langfristige Entwicklung des Areals.
Das ist ein Erfolg, aber einer, der stark an der Stadt hängt. Sie kauft, sie plant, sie vermittelt. Was aber passiert in all den Straßen und Quartieren, in denen die Kommune nicht selbst Eigentümerin wird? Und was, wenn Personal und Budget irgendwann knapper werden?
Modell 1: Die Eigentümer organisieren sich
Eine Antwort kommt aus dem angelsächsischen Raum: der Business Improvement District, kurz BID. Das Prinzip ist einfach. In einem klar abgegrenzten Quartier zahlen alle Grundeigentümer für einige Jahre eine Abgabe. Nicht freiwillig, sondern verbindlich, sobald sich eine ausreichende Mehrheit dafür ausgesprochen hat. Das Geld fließt in gemeinsame Maßnahmen: Gestaltung des Straßenraums, Sauberkeit, Begrünung, Veranstaltungen, Marketing, manchmal auch ein eigenes Quartiersmanagement.
Hamburg hat das Modell 2005 als erstes Bundesland gesetzlich ermöglicht, inzwischen gibt es dort zahlreiche BIDs, von den Einkaufsstraßen der City bis in die Stadtteilzentren. Der Kern des Modells ist ein Gerechtigkeitsargument: Wer vom Quartier profitiert, beteiligt sich auch daran. Niemand kann sich mehr zurücklehnen, während die Nachbarn investieren.
Für Bayern hat das Modell allerdings einen Haken: Es fehlt bislang eine landesrechtliche Grundlage. Die IHK Nürnberg hat ein BID-Gesetz bereits 2013 gefordert. Ohne Gesetz bleiben nur freiwillige Standortgemeinschaften und die scheitern oft genau an denen, die nicht mitmachen.
Modell 2: Die Bürger kaufen mit
Ein zweiter Weg führt über die Genossenschaft. Im baden-württembergischen Gaggenau sollte 2024 das City-Kaufhaus schließen, obwohl es wirtschaftlich gesund war. Die Stadt initiierte daraufhin eine Genossenschaft, knapp 1.700 Menschen bekundeten Interesse an Anteilen zu je 250 Euro. Zusammen kamen Zusagen über rund 950.000 Euro – deutlich mehr als die benötigten 750.000 Euro.
Ein anderes Beispiel ist die Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt in Hann. Münden. Sie kauft, saniert und belebt leerstehende Häuser im historischen Ortskern, unter anderem in einem Festivalformat, bei dem ein altes Haus in neun Tagen rund um die Uhr gemeinsam mit Bürgerinnen, Architekten und Handwerkern instand gesetzt wurde.
Was beide Beispiele verbindet: Wer Anteile hält oder mit anpackt, wird vom Kunden zum Mitgestalter. Die Innenstadt ist dann nicht mehr ein Ort, an dem man einkauft, sondern einer, für den man Verantwortung trägt.
Modell 3: Zwischennutzung als Prototyp
Der dritte Baustein wird oft unterschätzt: die Zwischennutzung. Sie gilt häufig als Notlösung, als Lückenfüller, bis „etwas Richtiges“ kommt. Aus Sicht des Architekten ist sie viel mehr, nämlich ein Prototyp im realen Raum. Sie zeigt, welche Nutzungen funktionieren, welche Menschen kommen, welche Kombinationen sich gegenseitig tragen. Und sie tut das, bevor viel Geld in einen endgültigen Umbau fließt.
Gerade bei Kaufhäusern ist das wertvoll. Sie sind schwierige Gebäude: tiefe Grundrisse, wenig Tageslicht, wenige Eingänge, auf eine einzige Nutzung zugeschnitten. Und doch steckt in ihnen enorm viel graue Energie, also die Energie, die für Herstellung und Bau bereits aufgewendet wurde. Abriss ist deshalb weder ökologisch noch baukulturell eine gute Option. Die eigentliche Aufgabe ist die Umnutzung. Oder, wie es an anderer Stelle in diesem Blog hieß: Das zirkulärste Gebäude ist das, das schon steht.
Was (Social) Design dazu beitragen kann
Ob BID, Genossenschaft oder Zwischennutzung: keines dieser Modelle scheitert an der Idee. Sie scheitern an der Organisation. Viele Eigentümer kennen sich nicht, manche sitzen weit entfernt in Fonds und Gesellschaften. Händler, Gastronomie und Nachbarschaft haben unterschiedliche, manchmal gegensätzliche Interessen. Dann fehlt das Vertrauen, dass sich das eigene Engagement auch lohnt.
Genau hier liegt eine Gestaltungsaufgabe. Social Design kann mit Research im Quartier herausfinden, wer welche Bedürfnisse und Befürchtungen hat. Es kann Formate schaffen, in denen Eigentümer, Händler und Anwohner zum ersten Mal gemeinsam an einem Tisch sitzen. Es kann mit kleinen, schnellen Experimenten Vertrauen aufbauen, statt auf den großen Masterplan zu warten.
Für Nürnberg bietet sich dafür gerade eine Gelegenheit: Für das Kaufhof-Areal steht nach dem Auswahlverfahren eine Konzept- und Dialogphase an. Sie könnte zu einem Ort echter Beteiligung werden, wenn man sie nicht als Informationsveranstaltung anlegt, sondern als gemeinsamen Gestaltungsprozess.
Am Ende bleibt eine einfache Frage, die über jede Innenstadt entscheidet: Wem gehört sie und wer fühlt sich für sie verantwortlich?
