10. Mai 2026 / #SDNue / Laurin Wacker

BAUWIRTSCHAFT IM RESSOURCEN-SCHONGANG – WENN DAS HAUS ZUR MATERIALBANK WIRD

Fassade aus wiederverwendeten Materialien (Holz, Wellblech, Ziegel, Platten)

Quelle: FOTO VON MAX VAN DEN OETELAAR AUF UNSPLASH

Der Bausektor verbraucht rund die Hälfte der in Deutschland gewonnenen Rohstoffe und verursacht mehr als die Hälfte unseres Abfalls. Lösungen für kreislauffähiges Bauen gibt es, Leuchtturmprojekte auch. Warum bleibt die Kreislaufwirtschaft am Bau trotzdem eine Nische? Und was hat das mit Design zu tun?

Im April 2026 hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) seine Stellungnahme „Zirkulär bauen: Bestand erhalten, Kreisläufe schließen“ vorgelegt. Die Botschaft ist erfreulich klar: Zirkuläres Bauen schont Klima und Rohstoffe und es kann, über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, sogar Kosten sparen. Fünf Hebel benennt der Rat: Digitalisierung, Qualifizierung, Förderung, rechtliche Regeln zum Schließen der Kreisläufe und die öffentliche Hand als Vorbild.

Wie weit der Weg noch ist, zeigt ein Bericht der Deutschen Energie-Agentur (dena) vom März: Gerade einmal rund 0,6 Prozent des Betonabbruchs fließen zurück in neuen Beton. Der Rest landet bestenfalls als Schotter im Straßenbau. Die Erkenntnis ist also da, die Gutachten liegen vor. Was fehlt, ist die Praxis in der Breite.

Das Problem ist nicht das Material, sondern das Modell

Technisch wissen wir erstaunlich viel: lösbare Verbindungen statt Verklebungen, sortenreine Bauteile, schadstoffarme Beschichtungen, Recyclingbeton, Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen. Was fehlt, ist ein ökonomisches Interesse daran.

In der linearen Logik endet die Verantwortung mit der Übergabe: geplant, gebaut, verkauft, abgerechnet. Was in 40 oder 80 Jahren mit Fenster, Fassade oder Decke geschieht, spielt in keiner Kalkulation eine Rolle. Rückbau tauch, wenn überhaupt, als Kostenposten auf, nicht als Wert. Und wer heute mit Mehraufwand demontierbar baut, profitiert davon selbst nicht. Den Nutzen hat irgendwer, irgendwann.

Ironischerweise sind es oft die alten Gebäude, die zeigen, wie es ginge. Wer wie ich derzeit als Projektmanager die Sanierung eines Baudenkmals verantwortet, arbeitet mit Konstruktionen, die auf Reparatur und Weiterverwendung angelegt sind: gezapfte Holzverbindungen, Mauerwerk in Kalkmörtel, Bauteile, die man ausbauen, aufarbeiten und wieder einsetzen kann. Im Denkmal ist Weiterverwenden kein Experiment, sondern Auftrag. Im Neubau dagegen ist es bis heute die Ausnahme.

Nutzen statt Besitzen – und das Gebäude als Bilanzposten

Genau hier setzen zirkuläre Geschäftsmodelle an. Beim Prinzip „Product as a Service“ kauft der Bauherr nicht mehr den Aufzug, die Beleuchtung oder die Gebäudetechnik, sondern deren Leistung. Der Hersteller bleibt Eigentümer und hat damit plötzlich ein handfestes Interesse daran, dass sein Produkt langlebig, wartbar und am Ende zurückholbar ist. Aus dem Verkauf eines Produkts wird eine Beziehung über den Lebenszyklus.

Der zweite Baustein ist Transparenz. Materialpässe, etwa über die Plattform Madaster oder der Gebäuderessourcenpass der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), eines gemeinnützigen Vereins, der unter anderem ein verbreitetes Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude entwickelt hat, dokumentieren, was in einem Gebäude steckt: welche Materialien, in welcher Menge und Qualität, wo verbaut. Damit wird das Haus zum Rohstofflager mit Restwert, also zur Materialbank.

Und wenn Materialien einen dokumentierten Restwert haben, verändert das die Finanzierungslogik. Was wäre, wenn Banken diesen Restwert in ihre Bewertung einpreisen? Wenn demontierbares Bauen bessere Konditionen bekäme, weil das Gebäude am Ende kein Entsorgungsfall ist, sondern ein Vermögenswert? Dann würde der Mehraufwand von heute zur Investition und nicht länger zur Frage von Idealismus.

Warum es die breite Masse (noch) nicht erreicht

Die Hürden sind bekannt: Wer haftet für ein gebrauchtes Bauteil ohne Zulassung? Für Sekundärmaterialien fehlen vielfach Normen und Standards. Planerinnen und Planer greifen auf das zurück, was sie kennen und was sich rechtssicher ausschreiben lässt. Und zwischen Planung, Ausführung, Betrieb und Rückbau liegen Silos, in denen jede Seite ihren Teil optimiert. Im magischen Dreieck des Projektmanagements – Kosten, Termine, Qualität – hat Kreislauffähigkeit schlicht keinen eigenen Platz.

Dass es geht, zeigt Nürnberg selbst: Bei der Sanierung des Volksbads wurde Recyclingbeton eingesetzt; Abbruch, Aufbereitung und Wiedereinbau fanden innerhalb der Stadt statt und 750 Tonnen natürliches Material wurden so eingespart. Bei der Generalsanierung des Künstlerhauses wurden Wandverkleidungen, Theken und Steine aus dem Bestand weiterverwendet. Leuchttürme, aber eben noch Leuchttürme.

Was (Social) Design dazu beitragen kann

Wenn das Problem im Modell liegt, dann ist das Modell selbst der Gestaltungsgegenstand. Nicht das einzelne Bauteil, sondern das Zusammenspiel: Hersteller, Bauherren, Planende, ausführende Firmen, Banken, Kommunen, Nutzerinnen und Nutzer. Wer trägt welches Risiko, wer hat welchen Nutzen? Und wann?

Diese Fragen lassen sich nicht am Schreibtisch beantworten. Sie verlangen Research im Problemraum, Co-Design mit allen Beteiligten und Prototypen im realen Raum: ein Pilotquartier, ein Rücknahmevertrag, ein Finanzierungsmodell, das man erprobt, statt es jahrelang zu normieren. Hier kommt der fünfte Hebel des SRU ins Spiel: die öffentliche Hand als Vorbild. Kommunen bauen, sanieren und betreiben selbst: sie könnten Experimentierräume öffnen, in denen neue Modelle ausprobiert werden dürfen.

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass das zirkulärste Gebäude ohnehin das ist, das schon steht. Bleibt eine Frage, die weit über die Bauwirtschaft hinausreicht: Wem gehört das Haus der Zukunft? Und wem gehören seine Materialien?